
Köln, 8. Juni 2010. Als Schlag ins Gesicht der Arbeitslosen bezeichnet die KAB Deutschlands die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel den Arbeitsmarkt durch Kürzungen in Milliarden-Höhe beleben zu wollen. „Mit 4,3 Milliarden Euro sind die Einsparungen am Arbeitsmarkt der dickste Posten auf der Gift-Liste der schwarz-gelben Koalition", so Bundesvorsitzende Birgit Zenker.
Arbeitsmarktpolitische Instrumente wie das Elterngeld, das für eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen sollte, fallen dem Sparhammer zum Opfer. Wichtige Sozialleistungen, die katholische Verbände für Hartz-IV-Empfänger erkämpft haben, werden ersatzlos gestrichen. „Wir erleben mit Merkel und Co eine Demontage des Sozialstaates", bemerkt Zenker nach der gestrigen Pressekonferenz zum Sparpaket. Hier versuche eine angeknockte Koalitionsführerin, zudem geschlagen mit einem Außenminister, der zugibt, er habe über seine Verhältnisse gelebt, die energische Spar-Kanzlerin zu geben. Dies gelinge ihr aber nur auf Kosten der sozial Schwachen, kritisiert die KAB-Vorsitzende.
Des weiteren ist die Abschaffung des Rentenversicherungsbeitrages für SGB-II-Leistungsempfänger für die KAB eine Abkehr von der Sozialversicherungspflicht. „Seit Kanzler Kohl wird die gesetzliche Rentenversicherung zum Stopfen von Haushaltslöchern benutzt und somit systematisch ausgehöhlt".
Vermögensteuer einführen
Die Vorsitzende des katholischen Sozialverbandes fordert die Bundesregierung auf, das Sparpaket gerecht zu schnüren. „Wir brauchen endlich die Vermögenssteuer wie in Frankreich und den meisten europäischen Ländern. Zudem muss der Spitzensteuersatz angehoben werden, um die Lasten der Krise auch auf die starken Schultern der Reichen und Wohlhabenden zu verteilen".
Positiv bewertet die KAB die erneute Ankündigung der Kanzlerin eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. „Wir erwarten hier von der Kanzlerin nun auch Ergebnisse auf nationaler und europäischer Ebene".
Als unverständlich bezeichnet die KAB es, dass beim Sparkonzert im Kanzleramt nicht die Vergünstigungen der Hotelbranche und die Entscheidungen des 24-Milliarden-Steuerentlastungs-Pakets auf den Prüfstand gestellt werden. Zenker kündigt an, den geplanten Sozialabbau von Union und FDP nicht hinzunehmen und gemeinsam mit katholischen Verbänden und Gewerkschaften für eine sozial gerechte Verteilung der Lasten zu kämpfen.
(von Günther Salz, Diözesanvorsitzender der KAB Trier)
Der Bericht erschien im KAB-Impuls, Ausgabe Mai 2010
Die „Regelleistungen nach SGB II (Hartz IV-Gesetz) sind nicht verfassungsgemäß“; der Grundsatz der Menschenwürde ist neu auszubuchstabieren – dies hatte das Bundesverfassungsgericht am 9. Februar 2010 der Öffentlichkeit unmissverständlich mitgeteilt und damit den Hartz IV-Politikern aller Schattierungen eine schallende Backpfeife verpasst. Statt nun die andere Wange hin oder wenigstens inne zu halten, brach die schwarz-gelbe Meute los: Sozialstaat sei Sozialismus, der Leistungswille werde untergraben, die Leistungsträger beleidigt und ausgenutzt. In Sorge um die „Solidarität der Leistungsträger“ bei einer etwaigen Erhöhung der Regelsätze ging es nicht nur darum, deren Geldbeutel zu schonen, sondern um das Wichtigste überhaupt: das Leistungsprinzip und das Land. Eine bessere Hilfe bedeute am Ende womöglich den Untergang Deutschlands, denn wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspreche, lade zu spätrömischer Dekadenz ein, meinte Vizekanzler Westerwelle, der selbst von staatlichen Transferleistungen lebt.
Allerdings ist auch die süffisante Kritik der Minderheitssozialdemokraten, wonach Westerwelle die Zielgruppen verwechselt habe und eigentlich die Reichen meinen müsse, wohlfeil. Denn schließlich haben sie (zusammen mit den Grünen) Hartz IV ins Werk gesetzt und in ihrer Regierungszeit eine veritable Politik der Reichtumspflege praktiziert, die vielen Reichen leistungslose Millionen beschert hat.
Was aber ist der sachliche Kern der Debatte? Statt mit „spätrömischer Dekadenz“ haben wir es mit einem Niedergang des modernen Kapitalismus zu tun. Das Zerbröseln der Mittelschicht und die Ausbreitung der Armut bis in diese Schichten hinein, ist ebenso ein Kennzeichen dieses Verfalls, wie die Prekarisierung der Lohnarbeit. Nur wollen das die Funktionsträger des Kapitals nicht wahrhaben: Das nämlich die Armut das originäre Produkt ihrer unermüdlichen und bewusstlosen Leistung im Dienste der Kapitalverwertung ist.
Denn Kapitalismus heißt: „Plusmacherei“. Aus vorgeschossenem Kapital soll mehr Kapital, aus Geld mehr Geld, also immer mehr abstrakter Reichtum werden. Dieser Prozess ist sozial blind, maßlos und selbstbezüglich: Anfang ist Ende, Ende ist Anfang. Die Welt ist endlich, aber das Kapital ewig. Die Herstellung von Gebrauchsgütern, also von stofflichem Reichtum, ist dabei nur Mittel zum Zweck der Kapitalvermehrung.
Die wichtigste Quelle dieser Plusmacherei ist (neben der Natur) die menschliche Arbeitskraft als Ware. Sie hat die Fähigkeit, mehr Wert zu erzeugen, als sie den Unternehmer kostet. Dieser Mehrwert, oder genauer: diese Mehrarbeitszeit, ist der Brennstoff, mit dem der Reichtumsprozess in Gang gehalten wird. Insofern steckt in Michael Ende’s Märchen „Momo“, in dem die „grauen Herren“ die Zeit der Menschen verrauchen, mehr Wahrheit, als in all dem verbalen Getöse der letzten Monate.
Denn um in der Konkurrenz mit anderen Kapitalisten zu bestehen, müssen die produzierten Waren so billig wie möglich verkauft werden. Hierzu verkürzt man die Zeit für ihre Herstellung mittels gesteigertem Maschineneinsatz. Dies erhöht die Produktivität und den Leistungsdruck. Die grauen Herren ziehen heftiger an ihren Zigarren.
Das Ganze bewirkt eine Änderung der „technischen Zusammensetzung“ des Kapitals. Die angewandten Produktionsmittel (Maschinen, Rohstoffe etc) nehmen auf Kosten der lebendigen Arbeitskraft gewaltig zu. Das hat wiederum Folgen für Kapital und Arbeit: Während die Sachkosten zum rentablen Einsatz von Kapital immens gestiegen sind und deshalb einen enormen Konzentrationsprozess und erhöhten Kreditbedarf ausgelöst haben, der den unternehmerischen „Mittelstand“ ruiniert, wird auch die abhängige Arbeitskraft immer stärker überflüssig gemacht und so Arbeitslosigkeit, Armut und prekäre Arbeit erzeugt. Kapital und Arbeit werden in der Verwertungsmaschine verheizt.
Dabei ist der Verwertungsprozess selbst widersprüchlich: Denn das Kapital kann sich nur erhalten, indem es sich ausdehnt und vermehrt. Aber die Abschaffung lebendiger Arbeit entzieht der Verwertungsmaschine ihre wichtigste Energie. Den grauen Herren geht die Luft aus. Deshalb muss das Kapital auf immer abenteuerlichere Weise versuchen, die Geldvermehrung weiter zu treiben und sei es auch durch fiktives oder spekulatives Kapital. So machen die grauen Herren uns blauen Dunst vor.
Während Westerwelle das Leistungsprinzip beschwört und die Leistungsträger in Schutz nehmen will, stehen diese vor dem Abgrund ihres eigenen Systems. Denn die Geldvermehrung hat sich zu einem guten Teil von der Warenform abgelöst und in Sphären verflüchtigt, die das klassische, auf privatem Eigentum, Fleiß und Warenproduktion beruhende Leistungsprinzip ad absurdum führt. Westerwelle erinnert mehr an eine Vogelscheuche, die die bösen Geister vertreiben will, als an jemanden, der für traditionelle „Werte“ einstehen kann, weil diese längst ihren materiellen Grund verloren haben.
Stattdessen geht die Angst vor dem Absturz im Konkurrenzkampf um. In ihrer verzweifelten, realitätsblinden und oberlehrerhaften Wut lenken die Kapitalagenten in Wirtschaft und Politik von den Gärungs- und Zersetzungsprozessen in der Produktion von Waren und Geld ab. Sie leugnen, dass abstrakter Reichtum ganz konkrete Armut schafft. Also beschimpfen sie die Opfer des Kapitalismus als Faulenzer, Parasiten und Minderleister. Die Verrücktheit der Warenform erscheint in der Irrationalität von Ökonomie und Politik.
Wenn die Menschen nicht endlich wieder ihre Zeit in Besitz nehmen, bleibt am Ende nur Asche übrig.
16.3.2010
Paulinus-Forum „Wirtschaft fair gestalten“ am 15. April 2010 im Bistumszelt auf dem Domfreihof in Trier
Die Heiligrocktage 2010 des Bistums Trier stehen im Zeichen des Jubiläums der 50-jährigen Partnerschaft zwischen dem Bistum Trier und der Kirche Boliviens. Aus diesem Anlass hat die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) gemeinsam mit der Bistumszeitung Paulinus zur Podiumsdiskussion „Wirtschaft fair gestalten“ eingeladen.
Unter der Moderation von Paulinus-Chefredakteur Bruno Sonnen und dem Journalisten Christian Otterbach diskutierten die KAB-Bundesvorsitzende Birgit Zenker, der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen e. V., Anton F. Börner, der Abteilungsleiter Harald Klein vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Prälat Werner Rössel, Bischofsvikar für weltkirchliche Aufgaben, das Thema der weltweiten fairen bzw. unfairen Wirtschaftsbeziehungen. Bischof Dr. Stephan Ackermann musste aufgrund seines Amtes als „Beauftragter für Fälle sexuellen Missbrauchs“ seine Teilnahme leider absagen.
Gegen die Überzeugungen von Herrn Anton Börner, dass die freie Wirtschaft es schon richten werde, die Wirtschaft keine charity-Veranstaltung sei und es in der Wirtschaft nicht um ethische Fragen gehe, sondern um Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung, positionierte sich die KAB-Bundesvorsitzende Birgit Zenker. Birgit Zenker machte klar, dass Wirtschaft und Politik Wege finden müssen, um das Leben in Fülle allen Menschen zu ermöglichen. Der Applaus der Zuschauer unterstützte ihre These, dass die Menschen mehr wollen als freien Weltmarkt und Handel, nämlich Fairness, Solidarität und Bewahrung der Schöpfung. Ihre Forderung, dass ethisches und verantwortungsvolles Handeln eine zentrale Rolle spielen muss in einem fairen Weltwirtschaftssystem, fand ungeteilten Beifall. Prälat Werner Rössel erinnerte an die Sozialenzykliken der Kirche und das Sozialwort der Kirchen von 1997, die klare ethische Regeln von der Wirtschaft einfordern.
Auf dem Podium fand eine lebhafte Diskussion statt, die von Publikumsfragen angeregt wurde: Von der Frage nach ökologischen und sozialen Standards in der Textilindustrie, die von der Kampagne für saubere Kleidung, an der die KAB beteiligt ist, immer wieder angemahnt wird. Und auch von der Frage nach der Privatisierung des Wassers, einer Ressource, die nach unserer Überzeugung allen Menschen zur Verfügung stehen muss. Herr Klein vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verwies auf die Vorteile der Private Partnerships, die jedoch von der KAB sehr klar angezweifelt werden, da die Versorgung mit den grundlegenden Ressourcen aus unserer Sicht nicht privatisiert werden darf.
Birgit Zenker lobte die Unterstützung der Transaktionssteuer durch Bischof Dr. Stephan Ackermann. Die Transaktionssteuer soll der Entwicklungszusammenarbeit dienen, um armen Ländern in ihren Bestrebungen nach besseren Lebensbedingungen zu helfen. Um in unserem aktuellen Wirtschaftssystem Veränderungen bewirken zu können, bedarf es des Geldes für die Länder des Südens und der Veränderung weltweiter Handelsstrukturen, so die KAB-Bundesvorsitzende.
Werner Rössel, Bischofsvikar für weltkirchliche Aufgaben, wies darauf hin, wie vielfältig und wichtig der Einsatz der Kirche im Schuldenerlass für die armen Länder im Jahr 2000 war und dass die Partnerschaft mit Bolivien im Erlassjahr 2000 einen qualitativen Sprung erlebt habe. In diesem Jahr hätten die bolivianischen Partner Partnerschaft und Solidarität auf Augenhöhe erlebt.
Birgit Zenker betonte zum Schluss nochmals die ökologische Dimension des freien Welthandels. Wenn die Schwellenländer und Entwicklungsländer ihre Wirtschaft mit demselben Ressourcenverbrauch betrieben wie die Industrieländer, würde dies schon sehr bald zu einem ökologischen Kollaps führen.
Die Podiumsdiskussion war eine gelungene Veranstaltung mit ca. 160 politisch Interessierten. An diesem Abend hat sich sehr deutlich gezeigt, dass wir als KAB einen langen Atem brauchen in unserem Engagement für ein gerechtes und faires Weltwirtschaftssystem, dass unsere Mitglieder und Unterstützer unserem Verband aber den Rücken stärken im Kampf für weltweite Gerechtigkeit und Solidarität.
Ein Bericht von Ruth Mareien de Bueno