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Pflegefachtag 10.02.2023

Pflegefachtag am 10. Februar 2023 in Saarbrücken

Trier/Saarbrücken. Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Trier hat am 10. Februar 2023 zusammen mit und in der Arbeitskammer des Saarlandes in Saarbrücken zu einem Pflegefachtag eingeladen. Rund 50 Personen sind der Einladung gefolgt. Im Podium und im Publikum saßen Männer und Frauen, die beruflich und/oder privat mit dem Thema Pflege vertraut sind.

84% der fünf Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause gepflegt. Zu diesen nackten Zahlen hat Frau Professorin Dr. Heimbach-Steins eindrucksvoll und fesselnd referiert.

Heimbach-Steins machte deutlich, dass diese wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die zum größten Teil im privaten Bereich geleistet wird, einen sehr hohen volkswirtschaftlichen Faktor darstellt.

Für die Pflege werden im Durchschnitt 61 Stunden pro Woche aufgewendet. Das entspricht anderthalb Vollzeitstellen. Davon wendet die Hauptpflegeperson etwa 42 Stunden auf, das entspricht in etwa einer Vollzeitstelle plus Überstunden. Und das 24/7 – ohne Anspruch auf Urlaub und auch bei Krankheit gibt es keine Auszeit. Hinzu kommt, dass ⅔ der Hauptpflegepersonen „nebenbei“ noch erwerbstätig sind. Von den Hauptpflegepersonen sind wiederum ⅔ Frauen. Dabei stehen Pflegende unter Dauerdruck durch mangelnde Absicherung und Unterstützung sowie durch die gesellschaftlichen Normvorstellungen von Pflege.

Diese Zahlen machen deutlich, wie schwierig die Situation in vielen Haushalten mit pflegebedürftigen Personen ist. Heimbach-Steins sagt, es muss eine Freiheit und Wahlmöglichkeit geben auf das Recht zu pflegen und das Recht nicht zu pflegen. Überlastung muss präventiv verhindert werden. Allein das ist nicht wirklich neu.

Die Forderung nach einem Pflegenden-Geld plus Rentenanwartschaftszeiten dagegen muss dringend in unserer Gesellschaft diskutiert werden. Die sozialpolitischen Aufgaben müssen da gelöst werden, wo sie hingehören, nämlich in der Politik und nicht zu Lasten der pflegenden Angehörigen. Die Überlastung der Pflegenden geht am Ende wieder auf Kosten des Sozialsystem. Die Unvereinbarkeit von Pflege und Erwerbsarbeit muss aufgelöst werden. Möglichkeiten neben einem Pflegenden-Geld sind z.B. Pflegebudgets, damit die Entlastungsangebote einfacher wahrgenommen werden können.

Neben Frau Heimbach-Steins haben die Schwestern Maria Luise Hubert und Erika Müller als pflegende Angehörige der Eltern von ihren Erfahrungen berichtet. Als wichtigsten Aspekt stellten sie heraus, dass es für eine berufstätige Pflegeperson alleine schier unmöglich erscheint die Pflege der Eltern zu bewältigen, mit allem was dazu gehört, wie Arztbesuche, hauswirtschaftliche Unterstützung und Antragstellung bei verschiedensten Kostenträgern. Für sie war entlastend zu hören, dass auch nach langjähriger Pflege das Pflegeheim stehen kann. Hier müssen wir an den gesellschaftlichen Normvorstellungen arbeiten.

Silke Kotterbach vom Pflegestützpunkt Mitte, Regionalverband Saarbrücken zeigte auf, dass es in ihrer Region eine gute Zusammen- und Netzwerkarbeit zwischen Pflegestützpunkten, Pflegediensten und anderen Anbietern gibt. Die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Hausärzten hingegen kann noch intensiviert werden.

Wichtig wäre insgesamt eine bessere Vorbereitung auf einen möglichen Pflegefall durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Hierzu diente der Pflegefachtag, aber z.B. auch die Broschüre der Arbeitskammer „Pflegefall akut“ Pflegefall_akut_web.pdf (arbeitskammer.de) oder die der KAB „Fit für den Fall der Fälle – Kleiner Ratgeber rund um die Pflege“ (zu beziehen bei der KAB Trier oder per Download https://www.kab.de/bewegung/werkzeug/die-ratgeber/ratgeber-pflege) können hier hilfreich sein.

Ute Kistner, Caritas-Sozialstation Eppelborn-Illingen, bestätigt, wie wichtig die Öffentlichkeitsarbeit und Vorbereitung auf den Pflegefall ist, denn die Angehörigen melden sich erst dann „wenn der Druck im Kessel zu hoch ist“. Das hat verschiedene Gründe, u.a. das schlechte Gewissen etwas abzugeben, aber auch die Weigerung der zu Pflegenden, Fremde ins Haus zu lassen.

Als wichtig wurde von allen Beteiligten hervorgehoben, dass Männer stärker in die Pflege mit einbezogen werden müssen. Ein Problem, das in vielen Haushalten nach wie vor eine Rolle spielt ist, dass Männer immer noch oft die Hauptverdiener sind und daher die Frauen eher ihre Stellen reduzieren. Mittlerweile gibt es auch Männer, die zugunsten der Pflege ihrer Ehefrau beruflich kürzertreten. Das ist jedoch immer noch eine Randerscheinung. Männer pflegen oft erst, wenn sie in Rente sind.

Krystian Temi, Pflegeherzen GbR, vermittelt die sogenannten „Live-Ins“, Betreuungskräfte, die die pflegenden Angehörigen unterstützen und er vermittelt auch hauswirtschaftliche Unterstützung im Rahmen der „Seniorenbetreuung Saar“. Auch er bestätigt, dass die Angehörigen oft viel zu spät zu ihm kommen. Und er macht deutlich, dass an osteuropäische Betreuungskräfte oft sehr hohe Erwartungen gestellt werden. Es handelt sich hier um Betreuer*innen und nicht um Pflegekräfte und dadurch dürfen sie bestimmte Aufgaben, wie z. B. das Anziehen von Stützstrümpfen und andere Tätigkeiten im pflegerischen Bereich, eben nicht leisten.

Das Podiumsgespräch wurde zwischen Lisa Summkeller von ver.di, die aus dem aktuellen Streikgeschehen zu uns gestoßen ist, Frank Kettern vom Caritasverband Saar Hochwald, der dankenswerterweise für den Caritasvorsitzenden Benedikt Welter einspringen konnte, Professorin Dr. Marianne Heimbach-Steins von der Universität Münster, Jürgen Bender, dem Pflegebeauftragten des Saarlandes, Maria Luise Hubert als pflegende Angehörige und Andreas Dörr, Pflegereferent der Arbeitskammer, geführt.

Sehr kontrovers war die Diskussion nicht, außer an der Stelle, wo das bedingungslose Grundeinkommen als eine Hauptforderung der KAB ins Gespräch gebracht wurde. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer*innen, dass die Kommunikation und Zusammenarbeit der einzelnen Akteur*innen enorm wichtig ist: angefangen von dem zu Pflegenden über den pflegenden Angehörigen bis hin zu den verschiedensten Dienstleister*innen. Dass eine Entbürokratisierung notwendig ist, dass es lohnt, über ein Pflegenden-Geld zu diskutieren und dass die Pflege nicht für das Erbringen von Renditen herhalten darf! Und Pflege darf nicht arm machen!

Ursprünglich, so Bender, war die Pflegeversicherung angedacht wie die Krankenversicherung, nämlich als eine Art „Vollkaskoversicherung“. Dazu ist es aber bis heute noch nicht gekommen. Aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre sollte auch hier dringend nachjustiert werden. Außerdem wäre es sehr sinnvoll, so die KAB, aus der Pflegeversicherung eine Bürgerversicherung zu machen, in die alle gleichermaßen einzahlen und in die auch andere Einkommensarten einfließen. Gerade hier könnte man gut üben, was möglich ist.

Als Bündnispartner für die dringend notwendigen Änderungen in der Pflege bietet sich das „Bündnis für gute Pflege“ aus 23 Organisationen und Verbänden mit ca. 13,6 Millionen Mitgliedern an.

Die KAB dankt der Arbeitskammer als Kooperationspartnerin, der Lotto-Stiftung Saar für die finanzielle Unterstützung und allen Männern und Frauen, die diesen Tag mit Statements, Fragen und im Podium bereichert haben. Frau Monika Lutz gilt der Dank für die gute Moderation des Pfegefachtages.

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