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27.06.2019

Veranstaltung zur Digitalisierung

Am 12. Juni dieses Jahres veranstaltete die KAB Engers-Mülhofen einen Informations- und Diskussionsabend zu den Versprechungen, Geheimnissen und Gefahren der Digitalisierung.

„Versprechungen, Geheimnisse und Gefahren der Digitalisierung“ war das Thema des Informations- und Diskussionsabends der KAB Engers-Mülhofen am 12. Juni 2019.

Referenten des Abends waren Dr. Kuno Füssel, Mathematiker und Theologe aus Andernach und Günther Salz, Vorsitzender des Ortsverbandes Engers-Mülhofen.

Günther Salz skizzierte einleitend den gesellschaftlichen Kontext der modernen Digitalisierungswelle: Nach den drei industriellen Revolutionen seit dem 18. Jahrhundert ist man heute vor dem Hintergrund der Globalisierung von Produktion und Kommunikation bei der „Industrie 4.0“ und im so genannten „Plattform-Kapitalismus“ angekommen. Im industriellen Bereich steht die „Smart Factory“, die intelligente, sich selbst steuernde Fabrik im Zentrum; parallel dazu sind „digitale Plattformen“ insbesondere bei Apple, Google, Amazon, Microsoft und Facebook als internetbasierte Vermittlungsagenturen entstanden, die durch Auswertung und Vermarktung von millionenfachen täglichen Suchanfragen die notwendigen Daten für neue Produkte und Dienstleistungen kostenlos geliefert bekommen. Hierdurch können sie enorme Gewinne machen. Produktion und Konsum werden so immer enger verzahnt.

Gerade die Industrie 4.0 wird vom Staat massiv gefördert. Dabei ist das gemeinsame Ziel von Staat und Kapital im weltweiten Wettbewerb die Nase vorn zu haben, um die globale Kaufkraft nach Deutschland und seine Konzerne zu lenken. Denn aus eingesetztem Geld soll mehr Geld werden - Wachstum von Produktion und Konsum eingeschlossen.

Dr. Kuno Füssel, der in den 1960er Jahren bereits eine Zeit lang bei einem führenden deutschen Industrieunternehmen an einer allgemeinen Programmiersprache gearbeitet hatte, wandte sich in seinem lebendigen Vortrag den öffentlich kaum diskutierten Basisbegriffen der Digitalisierung zu. Anhand seiner Erläuterungen zur „Künstlichen Intelligenz“ (KI), dem „Lernen“ von Maschinen und den in diese hinein programmierten Algorithmen, führte er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Herzkammer der elektronischen Modernisierung.

Mit Bezug auf den KI-Forscher Minsky kritisierte er den Begriff der Künstlichen Intelligenz als einen „Kofferbegriff“, in den man Vieles hinein packen kann, was eigentlich ungeklärt ist, wie der Begriff der „Intelligenz“ selbst. Füssels Ausgangsthese hierzu lautet: Maschinen können nur imitieren, aber nicht nach dem „Warum“ ihres Arbeitens fragen. Insofern gibt es keine intelligenten Maschinen.

Einer der wichtigsten Vordenker der  KI, der englische Mathematiker und Codierungsspezialist, Alan M. Turing (1912 - 1954), der auch die Grundidee eines Computers entfaltete, hat die Frage, ob Maschinen denken können, in einem wegweisenden Artikel von 1950 behandelt. Mit Hilfe eines Imitationsspiels hat er zu klären versucht, ob es eine Situation geben kann, in der Mensch und Maschine nicht mehr unterscheidbar sind. In seinem Spiel sollten die menschlichen Gesprächsteilnehmer herausfinden, ob die Antworten auf ihre Fragen von einem Menschen oder einer Maschine, die beide nicht sichtbar waren, gegeben wurden. Sollte dabei die  Maschine nicht mehr von dem menschlichen Gesprächsteilnehmer unterscheidbar sein, hieße das, dass Maschinen menschliches Verhalten nachahmen können, was A. Turing aber nicht als „denken“ bezeichnen wollte.

Zentral für die ganze Diskussion und Forschung über KI ist von Anfang an der Begriff Algorithmus, der eines der Zauberworte des Digitalisierungsdiskurses ist. Zunächst einmal aber sind Algorithmen gar nicht so mächtig und geheimnisvoll wie immer vorgegeben wird. Wir kennen sie schon aus dem elementaren Mathematikunterricht, insofern wir multiplizieren und dividieren gelernt haben, denn Algorithmen sind Vorschriften, die angeben, wie man durch Ausführung bestimmter Operationen nach endlich vielen Schritten ein Ergebnis finden kann. Ganz banal ist auch ein Kochrezept ein Algorithmus, auch wenn er sehr speziell und nur für Einzelfälle gültig ist und nicht für alle Fälle gilt, wie beim Rechnen. Für das Kochen einer Suppe brauche ich ein anderes Rezept als für das Backen eines Kuchens.

In der Industrie und bei den Internet-Plattformen ist alles nicht mehr ganz so einfach. Um eine optimale Lösung zu finden, brauchen die Maschinen, ob Computer oder Roboter, entsprechende Programmierungen bzw. Algorithmen, was bis auf geringfügige Details das Gleiche ist. Aber anders als bei den linearen Algorithmen, wie z.B. beim Rechnen, werden zur Einrichtung sog. „lernender Maschinen“ in der smarten Fabrik anspruchsvolle mathematische Modelle wie z.B. die Bayes-Statistik benötigt, denn die Maschinen sollen selbständig durch sog. „nicht überwachtes“ Lernen Lösungen suchen, bewerten und gegebenenfalls korrigieren, während beim sog. „überwachten“ Lernen das zu erreichende Ergebnis bereits vorgegeben wird. Auf diesem Gebiet wird derzeit mit Hochdruck geforscht und experimentiert. Da es dabei vor allem um das Verwertungsinteresse des Großkapitals geht und nicht so sehr um wissenschaftlichen Fortschritt, handelt es sich bei den neuen komplizierten Algorithmen daher um streng gehütete Betriebsgeheimnisse, was uns Betroffenen es nahezu unmöglich macht zu überprüfen, ob Diagnosen z. B in Wirtschaft oder Medizin zutreffen, welchen Vorteil sie haben oder welchen Schaden sie anrichten können.

Eine besonders ambivalente Situation entsteht derzeit durch die Digitalisierungswelle, die auf die Schulen zurollt. Dabei wird durch den lauthals hinausposaunten Slogan „Es kommt das Ende der Kreidezeit“ völlig ausgeblendet, welche verheerenden didaktischen Folgen eine Ausstattung auch der ganz jungen Schülerinnen und Schüler z. B. mit Tablets nach sich zieht, wobei der unbestreitbare Nutzen digitalisierbarer Lernprozesse in der Schule nicht abgestritten werden soll.

Wenn nur noch überspielt wird, was der Lehrer z. B. an mathematischen Beweisen an der interaktiven Tafel vorführt, dann sehen die Schülerinnen und Schüler zwar das Ergebnis, müssen dieses aber nicht mehr aktiv erarbeiten. In den geisteswissenschaftlichen Fächern und erst recht im Fach Religion potenzieren sich die Probleme noch. Wer mit Papier und Bleistift arbeitet, lernt anders als der schnelle Tastendrücker, denn er muss mehr körperliche und geistige Fähigkeiten mobilisieren.

In der anschließenden lebendigen Diskussion ging es u. a. um ethische Probleme der Anwendung von KI (z. B. beim Autonomen Fahren), die Gefahr der Massenarbeitslosigkeit durch die Industrie 4.0 und die fehlende Wirtschaftsdemokratie.

Dabei könnten Maschinen durchaus nützliche Helfer der Menschen sein. Um die Souveränität der Menschen zu stärken bzw. zu erhalten, wurde gefordert, die alltäglich an die Plattformen gelieferten Daten zu Gemeineigentum zu erklären. „Dinge, die wir selbst machen, gehören auch uns“, meinte ein Teilnehmer. Als Lösungsansätze gegen Massenarbeitslosigkeit und mögliche Verelendung wurden eine kollektive Arbeitszeitverkürzung und das Bedingungslose Grundeinkommen in die Debatte eingebracht; gegen die Kälte des maschinellen Lernens, wurde die Bedeutung der emotionalen Intelligenz betont.

Kuno Füssel sprach sich energisch dafür aus, sich die Produktionsmittel generell und auch die des digitalen Kapitalismus incl. der Algorithmen wieder anzueignen und die Verhältnisse selbst in die Hand zu nehmen.

Bericht: Kuno Füssel und Günther Salz
Foto: Anne Basten

 

 

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